Posts mit dem Label Rezension werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rezension werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 21. November 2013

Neutralala

Schlafen Schweizer tatsächlich mit einem Stück Schmelzkäse auf der Zunge?

Diesen und anderen Fragen stellt sich Renato Kaiser in seinem Buch "Schweiz - ein Heimatbuch", das eben  im Conbook Verlag erschienen ist. Er beantwortet darin in bester "Dr. Sommer"-Manier (fiktive?) Fanpost, die sich allesamt um schweizerische Eigenheiten dreht:

So erfährt der Leser bald einmal, wieso das Volk der Walliser die "Hobbits" der Schweiz ist, wieso wir in unserem Land eine Sprache pflegen, die einerseits "zum Sterben schön" und andererseits "zu schön zum Sterben" ist und wieso in einer anständigen Schweizer Beiz nebst Salz und Pfeffer immer auch unsere Lieblingsgewürze Aromat und Maggi im Gewürzständer zu finden sind, die laut Kaiser "tief in die Schweizer Seele geätzt" sind, was durchaus wörtlich zu verstehen ist, wenn man an die ganze Chemie denkt, die sich darin verbirgt... ;) Vielleicht klingen die Laute ch/ck bei uns Schweizerinnen und Schweizern ja deshalb so, als würden wir gerade Eisennägel mit unseren Stimmbändern zermalmen?

Wer gerne erfahren würde, wieso das Goldvreneli nicht das Gleiche wie das Gold-Vreni ist, warum es so schwer ist, in unserem Land anständig zu "bröntschen" und weshalb viele von uns ein GA oder Halbtax besitzen, dem sei die Lektüre dieses Heimatbuchs wärmstens empfohlen. Allein schon wegen der vom Autoren liebevoll zusammengestellten Schoggi-Top-Ten wird man auf seine Kosten kommen! Wem das nicht genug ist, der findet am Schluss des Buches ein kleines Wörterbuch der schönsten Dialektausdrücke - Schmunzeln garantiert!

Renato Kaiser: Neutralala - Schweiz, ein Heimatbuch
ISBN: 978-3-943176-35-3
Conbook Verlag, 2013



















[Edit: Gerade über einen passenden Tweet zum internationalen Verständnis punkto Schweiz gestossen :) ]


Dienstag, 5. November 2013

Nacht ist der Tag

Tag und Nacht. Man kann sich kaum einen grösseren Unterschied vorstellen, sind doch Tag wie auch Nacht ganz eigene Welten. Es empfiehlt sich, die beiden nicht zu vergleichen, sondern sie vielmehr aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Mit verschiedenen Perspektiven arbeitet auch Peter Stamm in seinem neusten Werk:

Da ist einerseits Gillian, die im wahrsten Sinn des Wortes gerade das Gesicht verloren hat und diesen Verlust verarbeitet. Die Leserschaft erfährt in Vergangenheitsform aus ihrer Sicht nach und nach, was ihr zugestossen ist. Und da ist andererseits Hubert, ein Künstler, der seine grössten Erfolge bereits hinter sich hat und momentan gerade unfreiwillig sein Zuhause und seine Familie verlässt. Aus seiner Perspektive taucht man ein in ein anderes, neues Leben, in dem auch Gillian eine zentrale Rolle spielt.

Stamm wäre nicht Stamm, wenn da nicht zwischen seinen Zeilen stets Schwermut mitschwingen würde, wenn da nicht im Hintergrund in der Ferne stets eine Art bedrohliches Brummen wahrzunehmen wäre - wenn auch deutlich weniger intensiv als bei seinen Kurzgeschichten in "Seerücken". "Nacht ist der Tag" ist sprachlich zum Lesen ein wahrer Genuss und eine Empfehlung für alle Freunde von mehrschichtigen Geschichten.

Peter Stamm: Nacht ist der Tag
S. Fischer Verlag, 2013

Montag, 4. März 2013

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Man kommt in ein Alter, in dem einen mütterliche Über-Fürsorge anfängt zu nerven. Als speziell anstrengend erweist sich in dieser Hinsicht Mordechai „Motti“ Wolkenbruchs jüdisch-orthodoxe ‚mame‘, die verzweifelt versucht, den Sohn unter die Haube zu bringen. Motti ist Mitte zwanzig und beziehungstechnisch absolut grün hinter den Ohren. Seine Mutter fängt an, ihn mit ihren Verkupplungsversuchen mit ihrer Meinung nach geeigneten Heiratskandidatinnen gewaltig unter Druck zu setzen. Die romantischen Gefühle, die der Protagonist zeitgleich für eine nicht-jüdische Mitstudentin – eine Schickse –  entwickelt, verkomplizieren die Mutter-Sohn-Beziehung ziemlich und führen dazu, dass Motti seinen scheinbar vorgezeichneten Lebensweg in der Zürcher jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft gründlich überdenkt.

Der Autor streut viele jiddische Ausdrücke ein, die in einem Glossar erläutert werden. Man gewöhnt sich schnell an die etwas spezielle Lesart und taucht so noch tiefer in die Welt der matriarchalisch geführten orthodoxen Familie Wolkenbruch ein.

Thomas Meyer ist mit seinem Erstling ein humorvolles, unbedingt empfehlenswertes Werk gelungen. Die Lektüre lässt einen mehr als einmal laut auflachen und lässt sprachlich keine Wünsche offen. Da schreibt einer, der sein Handwerk versteht!

Der Roman war 2012 für den Schweizer Buchpreis nominiert.


Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
ISBN:   978-3-905801-59-0

Salis Verlag, 2012

Montag, 10. Dezember 2012

Polarrot

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Jakobli: Ausgerechnet im Toggenburg kommt er zur Welt und wächst als armer Bauernsohn eines gewalttätigen, alkoholkranken Vaters auf, bis der Dorfpfarrer das Kind von den Eltern wegholt. In der Klosterschule St. Gallen kann sich der Junge entwickeln und schafft es später, als junger Mann in einem bekannten Hotel im Engadin angestellt zu werden. Unterdessen nennt er sich Jack. Als er – nicht ohne Grund - von einer reichen Russin geohrfeigt wird, ist es vorbei mit seiner Tätigkeit im Bündnerland und er macht sich auf den Weg nach Basel, wo er sich durch Hartnäckigkeit und ehrliche Vertreter-Tätigkeit in der „Chemischen“ hocharbeitet. Er reitet auf der Erfolgswelle der Firma Gugy mit, die mit einem bestimmten Farbton während des zweiten Weltkriegs grosse Erfolge feiert. Eine komplizierte Liebschaft verleitet Jacques – so seine Identität in Basel – zu einer folgenschweren Handlung, die ihn dazu bringt, Basel Richtung Solothurn zu verlassen. Wer denkt, da sei Endstation, der täuscht sich…

Patrick Tschan ist mit seinem zweiten Roman ein grosser Wurf gelungen: Die 344 Seiten lesen sich flüssig und beinahe atemlos: Wie wird der Lebensweg der Hauptperson weiterverlaufen? Kann Jacques sich nach verschiedenen Schicksalsschlägen wieder aufrappeln? Findet er die grosse Liebe?
Der Autor wurde für „Polarrot“ mit dem Auszeichnungspreis für Literatur 2012 des Kantons Solothurn gewürdigt



Patrick Tschan: Polarrot
ISBN: 978-3992000692
Braumüller Verlag, 2012

Montag, 24. September 2012

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Die 16-jährige Hazel hat Krebs. Seit drei Jahren kämpft sie gegen die Krankheit. Ihre Eltern sind Hazels beste Freunde, ihr drittbester Freund ist jemand, der keine Ahnung von ihrer Existenz hat: Es ist der Autor ihres Lieblingsbuchs, das von Anna handelt, die an Blutkrebs leidet. Das Buch ist kein normales Krebsbuch, denn Krebsbücher findet Hazel doof.

Eines Tages taucht Augustus in Hazels Selbsthilfegruppe auf. Er hat eine sexy Stimme und vergleicht Hazel mit Natalie Portman. Hazel verbietet sich Gefühle für den Jungen, da sie vor Augen hat, was sie ihm (durch ihr Sterben) antun würde, wenn sie eine Beziehung eingingen. Also kann sie Augustus auf keinen Fall küssen. Dies teilt sie ihm per SMS mit. Er antwortet mit einem simplen „okay“. Und schiebt nach: „Vielleicht wird ‚okay‘ unser ‚für immer‘.“, in Anspielung auf ein Teenagerpaar, das sich seine Liebe stets mit „für immer“ beteuert.

 
Green liefert einen einfühlsamen Roman, der auf der Bestsellerliste der New York Times steht. Er schafft es, mit seiner Erzählung über eine erste Liebe und ihr tragisches Ende kein Mitleid zu erregen – trotzdem wird man beim Lesen einen Kloss im Hals haben. Das Buch ist alterslos und kann keineswegs nur von Jugendlichen gelesen werden. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint, denn: Das Schicksal ist ein mieser Verräter…


John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
ISBN: 978-3446240094
Carl Hanser Verlag, 2012